5. November 2008

"Die importierte Finanzkrise" (aus: 'Mitteldeutsche Zeitung' vom 01.11.2008)

Diskussion: Experten aus Wirtschaft und Politik erklären die Wirtschaftslage

von ANTONIE STÄDTER
HALLE/MZ - Seit Wochen vergeht kein Tag, an dem die Finanzkrise nicht für Schlagzeilen sorgt. Für den Laien bleibt sie oft trotzdem ein abstraktes Problem. Höchste
Zeit, darüber zu reden, welche Konsequenzen die Krise für die Bürger haben kann: Der Nachrichtenradio MDR Info und die Mitteldeutsche Zeitung hatten zur Diskussion mit
Wirtschaftsexperten und Politikern in die hallesche Händelhalle eingeladen. Auf dem Podium saßen Börsenjournalist Frank Lehmann, Unions-Haushaltsexperte Steffen Kampeter, Grünen-Finanzpolitikerin Christine Scheel, FDP-Vize Cornelia Pieper, der Haushaltsexperte der Linken, Roland Claus, Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek
und Wolfgang Pflüger, Chefvolkswirt der Berenberg-Bank in Hamburg. Dass großer Redebedarf besteht, schien klar: Der Saal war übervoll.

Verantwortung der Manager

Zur Frage nach den Wurzeln des Finanzdilemmas sprach Lehmann die „poplige, kleine Kreditkrise in den USA“ an und meinte: „Die Amerikaner haben ein glänzendes Talent, Probleme zu exportieren.“ Auch hiesige Bankmanager, die Produkten mit angeblich geringem Risiko und hoher Rendite vertrauten, trügen einen Teil der Verantwortung.
„Sie haben die Produkte teilweise selbst nicht kapiert.“ Grünen-Politikerin Scheel befand: „Da gab es viel Kurzfristdenken.“ Sie kritisierte die Gehaltsstruktur der Manager, bei der die Löhne geringer seien als Bonuszahlungen. Unions-Haushaltsexperte Kampeter verteidigte das 500-Milliarden-Rettungspaket der Regierung für die Banken: „Wenn wir nicht gehandelt hätten, hätte es einen Dominoeffekt gegeben.“ Er sprach von einem „Horrorszenario“: So hätten schlimmstenfalls die Menschen kein Geld vom Automaten, keine Sozialleistungen und Unternehmen keine Kredite mehr bekommen. „Massenarbeitslosigkeit und Depression wären die Folge gewesen“, so Kampeter. Lehmann pflichtete ihm bei: „Was die Herrschaften in kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben, ist toll.“ Scheel wandte ein: „Es darf nicht sein, dass die gleichen Fehler wieder gemacht werden.“ Auch FDPVize
Pieper meinte: „Wir brauchen klare Spielregeln auf dem Finanzmarkt.“ Sie kritisierte das Verhalten jener Manager, die „erst vom Staat Unterstützung fordern und dann erklären, es wäre eine Schande für eine Bank, die anzunehmen“. Wirtschaftsethiker Suchanek forderte, dass die Manager künftig besser erklären, was sie tun. Denn: „Vertrauen ist nicht nur ethisch, sondern auch ökonomisch ein wichtiger Vermögenswert.“

Schwieriges Wirtschaftsjahr 2009

Dass die Finanzkrise Folgen haben wird, darin waren sich auf dem Podium alle einig. „Ich befürchte, dass 2009 ein grottenschlechtes Wirtschaftsjahr wird“, sagte Lehmann.
Bank-Experte Pflüger erklärte: „Ein konjunkturbedingter Abschwung hätte auch so eingesetzt. Doch durch die Finanzkrise wird er verschärft - und es droht eine Kreditklemme.“ An den „großen Crash“ glaubt er jedoch nicht. Roland Claus indes hatte nur Pessimismus übrig: „Die Zeche für ein solches Elend zahlen in der Regel nicht die Verursacher, sondern die Schwächsten der Gesellschaft.“ Bei diesen Aussichten schien es nur logisch, dass am Ende ein Zuhörer fragte: „Welche Anlage sollte man jetzt ins Auge fassen?“. Pflüger: „Ich rate eher zu festverzinslichen Wertpapieren. Man sollte die
Aktienquote gering halten und ansonsten auf Zukunftsthemen wie Klimawandel, erneuerbare Energien, Ernährung und Wasser setzen.“ Von Automobil- und Bankwerten
riet der Banker indes ab.