Kreisverband der Linken thematisiert globale Finanzkrise
von Ute Otto
WITTENBERG/MZ. 14fach gegenüber 2005 sei der Absatz von Marx' "Kapital" bei der jüngsten Frankfurter Buchmesse am Stand des Dietz-Verlages gestiegen, wusste Roland Claus, Mitglied im Bundestag und finanzpolitischer Sprecher der Fraktion der Linken, am Dienstagabend im Alten Rathaus Wittenberg vor Besuchern eines Forums zum Thema "Finanzkrise - wie sicher ist unser Geld?" zu berichten. Beim Ökonomie-Studium an der technischen Hochschule Merseburg und an den SED-Parteischulen hat sich Claus in das dreibändige Werk vertiefen dürfen, das Marx mit dem Untertitel "Kritik an der politischen Ökonomie" versah und in dem er die zyklischen Krisen des Kapitalismus beschrieb.
"Nun könnten wir uns ja jetzt auch hinstellen, wir hätten schon immer gewusst, was da kommt", sagt Claus, dass er sich ärgere über die "Oberschlauen im Fernsehen". Häme und Schadenfreude aber liege den Linken fern, "weil wir wissen, dass das Elend nicht ankommt bei den Verursachern, sondern bei den Armen und Schwachen dieser Welt". Ohne die Notwendigkeit in Frage zu stellen, habe seine Fraktion dennoch das 400 Milliarden schwere Rettungspaket abgelehnt. Weil es zwar helfe, zu löschen, aber Brandstifter nicht daran hindere, erneut zu zündeln.
Den Bürgern zu erläutern, wie es zu diesem Gau kommen konnte, hatte der Kreisverband der Linken als Veranstalter den Vorstand der Sparkasse Wittenberg, Wilhelm Fisser, eingeladen. "Ich bekenne mich zum Mut zur Lücke", sagte er, "auch ich werde nicht alles erklären können." Verständlich brachte er es herüber, dass alles mit einer extremen Niedrigzinspolitik der USA begann, die zur massiven Überschuldung führte, dass Kredite vergeben wurden, die nicht mehr durch Werte gedeckt waren. "Am Ende haben die Banken nicht mehr mit Geld, sondern mit Schulden gehandelt." Dabei seien Kunstprodukte mit einem Volumen von 600 Billionen Dollar auf den Finanzmarkt gekommen. Die Summe aller Brutto-Inlandsprodukte der Welt aber betrage "nur" 45 Billionen. Versprochenen Renditen bis zu 25 Prozent stand ein reales Wirtschaftswachstum von etwa drei Prozent gegenüber.
Er mache sich sehr ernste Sorgen, sagt Fisser, über die Auswirkungen der Finanzkrise - die Claus auch als gesellschaftliche Krise sieht - auf die Wirtschaft in Deutschland. Insofern sei tatsächlich jedermann betroffen. Sehr ernst genommen würden in der Sparkasse zudem die Sorgen der Kunden um ihr Geld. "Unsere Mitarbeiter sind damit derzeit stark gefordert." Nicht zuletzt, weil öffentliche Institute einem über das gesetzliche Maß hinausgehenden Einlagensicherungssystem unterlägen, könne er mit "mit Fug und Recht sagen: Das Geld der Kunden ist bei uns sicher". Darauf sei er als "alter Sparkassenhase" stolz. "Wir machen unsere Geschäfte regional vor Ort und tummeln uns nicht auf den internationalen Märkten."
Nach dem Forum lud Moderator Horst Dübner den Sparkassenchef noch auf einen Kaffee ein. Fisser lehnte ab: "Kaffee am Abend - das lässt mich sehr schlecht schlafen."