Finanzexperten loben das Hilfspaket der Bundesregierung - MZ und MDR INFO als Veranstalter
HALLE/MZ. Der Unions-Haushaltsexperte Steffen Kampeter hat das Banken-Rettungspaket der Bundesregierung verteidigt. Bei einer Podiumsdiskussion zur Finanzkrise von MDR INFO sagte Kampeter, hier seien nicht die Banken, sondern alle Bürger gerettet worden: "Wenn wir nicht gehandelt hätten, hätte es einen Dominoeffekt gegeben. Das hätte man sehr praktisch erlebt." So hätten im schlimmsten Falle Geldautomaten nichts mehr ausgezahlt, Sozialleistungen wären nicht überwiesen worden und Handwerker hätten keine Kredite mehr bekommen. "Massenarbeitslosigkeit und Depression wären unmittelbar die Folge gewesen. Deswegen hat die Politik richtig und klug gehandelt, um die Bürger zu schützen. An sich ist es ein Paket zur Rettung der Bevölkerung vor einem Domino-Zusammenbruch aller Banken."
Auch der ARD-Börsenexperte Frank Lehmann sagte bei der MDR-INFO-Diskussion, das Rettungspaket sei richtig gewesen: "Wir standen vor dem Abgrund. Und ich muss sagen, was die Herrschaften in kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben, ist toll. Die Banker haben sich in ihre Türme verkrochen und haben nix gemacht. Und Gott sei Dank hat die Politik Flagge gezeigt und einen Schirm aufgespannt. Und nun müssen die Herrschaften, die uns die Suppe eingebrockt haben, Flagge zeigen."
Der Wirtschafts- und Unternehmensethiker Andreas Suchanek lobte das Paket ebenfalls: "Hut ab vor denjenigen, die das in dieser Zeit gemacht haben."
Der Chef-Volkswirt der Berenberg Bank, Wolfgang Pflüger, kritisierte am Rettungspaket lediglich die Freiwilligkeit der Annahme von Hilfen: "Der bessere Weg wäre gewesen, wenn man Banken von vornherein gezwungen hätte, das anzunehmen. Es gibt ja viele, die wirklich klamm sind und das immer noch nicht zugeben wollen, weil sie befürchten, dadurch Wettbewerbsnachteile zu erleiden. Das ist ein gewisser Strickfehler in dem Programm."
Dem widersprach Unions-Haushaltsexperte Kampeter mit den Worten, ein solcher Zwang sei angesichts der Bankenstruktur ausgesprochen schwierig. Insgesamt sei Deutschland "nach zwei, drei Wochen, in denen wir über ein Rettungspaket diskutieren, weiter als die Amerikaner nach einem Dreivierteljahr."
Auch die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel nahm das Rettungspaket in Schutz: "Es war richtig, in dieser Geschwindigkeit ein solches Paket zu schnüren." Im besten Fall bauten die Banken damit ihr Vertrauen untereinander wieder auf, die Wirtschaft stabilisiere sich und es fließe etwas vom Geld zurück: "Dann hat der Steuerzahler nichts draufgelegt. Negativ gedacht, kann es natürlich passieren, dass von diesem Paket ein Teil cash aus dem Haushalt verausgabt wird", sagte Scheel. "Mal ganz negativ gedacht: Wenn die 500 Milliarden weg wären, was so nicht funktionieren kann, weil ja 400 Milliarden nur Bürgschaften sind, dann haben wir ein Riesenproblem. Dann haben wir aber insgesamt ein Riesenproblem, weil unsere Wirtschaft dann in einer Situation sein wird, wo es ganz, ganz schwer sein wird zu handeln. Aber so negativ denken wir nicht."
Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper kritisierte beim Rettungspaket das Verhalten einiger Manager: "Für mich ist das Verhalten von Bankmanagern unverständlich, die einerseits vom Staat Unterstützung fordern und sich dann hinstellen und erklären, es wäre eine Schande für eine Bank, das in Anspruch zu nehmen. Das halte ich für eine verantwortungslose Rhetorik."
Auch Unions-Haushaltsexperte Kampeter kritisierte die Rhetorik einiger Manager mit deutlichen Worten: "Manche Aussagen von Großbankern machen mir Magengeschwüre, da könnte ich richtig auf den Tisch hauen." Mit Blick auf Deutsche-Bank-Vorstandschef Josef Ackermann sagte Kampeter: "Ackermann treibt einen ja regelmäßig in den Wahnsinn."
Der Wirtschaftsfachmann der Linksfraktion im Bundestag, Roland Claus, empfahl, den Begriff der Teilverstaatlichung zu überdenken: "Wenn hier von Teilverstaatlichung die Rede ist, haben wir ja bisher immer gedacht, Verstaatlichung ist die Inanspruchnahme von etwas Werthaltigem für die Gemeinschaft. Im Moment reden wir von der Verstaatlichung von Schulden, das ist der Punkt."
Zum Umfang des Pakets sagte Berenberg-Bank-Chef-Volkswirt Pflüger: "Es muss ausreichen, denn die Mittel, die den Banken zur Verfügung gestellt werden können, erreichen fast 14 Prozent des gesamten Bankeneigenkapitals in den USA und in Deutschland liegt es in etwa bei 28 Prozent. Wenn die Banken damit nicht auskommen, dann gute Nacht."
Der Wirtschaftsfachmann der Linksfraktion im Bundestag, Roland Claus, sieht in der Finanzkrise ein gesellschaftliches Problem. Bei einer Podiumsdiskussion von MDR INFO sagte Claus, die aktuelle Situation sei keine Finanzmarktkrise, sondern eine gesellschaftliche Krisensituation: "Wer in einer Situation, in der Volkswirtschaften in der Regel um zwei bis drei Prozent jährlich wachsen, sagt, man kann 25 Prozent Rendite machen, nimmt wissentlich in Kauf, dass rundherum alles in Schutt und Asche fällt. Deshalb ist eine gesellschaftliche Umkehr erforderlich."
Auch der ARD-Börsenexperte Frank Lehmann sieht im Handeln der Anleger eine Mitschuld an der Krise. Er sagte bei der Podiumsdiskussion, die Gier bei einzelnen sei "ein bisschen groß geworden": "Da muss man den Einzelnen fragen, warum seid ihr so geil darauf, sieben oder acht Prozent zu kriegen? Und dann noch zu sagen, da will ich noch Steuern sparen? Da ist jeder einzelne aufgefordert, sich zu informieren." Dies treffe aber nicht auf alle Anleger zu, sagte Lehmann. Viele seien auch schlecht beraten worden: "Das Beratungssystem in Deutschland ist eine einzige Katastrophe."
Auch die Grünen-Finanzexpertin Christine Scheel sieht in der Gier der Menschen einen Grund für die Krise: Mit Blick auf die faulen US-Immobilienhypotheken sagte sie: "Es sind schon im Prinzip auch die beteiligt, die glauben, diese Papiere haben zu wollen, weil sie so hohe Renditen abwerfen. Die Amerikaner haben zwar das Paket geschnürt. Aber es muss auch jemand das Paket aufmachen und rausholen, was da drin ist."
Der Wirtschafts- und Unternehmensethiker Andreas Suchanek sieht einen Grund für die Finanzkrise dagegen eher im Werteverfall des Vertrauens. Viele Manager hätten sich nicht an Alltagsweisheiten gehalten: "Zum Beispiel an die Weisheit, dass Vertrauen auch ein ökonomischer Vermögenswert ist, den man verspielen kann." Vertrauen bedeute, Versprechen zu halten, sagte Suchanek. "Wenn ich einem Kunden ein Versprechen von Renditen gebe, dann muss ich mir überlegen, was ist nötig, um das einzuhalten. Hohe Renditen ohne Risiken zu versprechen, ist unverantwortlich." Mit Blick auf die Podiumsdiskussion von MDR INFO sagte Suchanek: "Was wir brauchen, sind Abende wie diese, wo man versteht, was abgeht. Ich verstehe auch nicht alles, was abgeht, um es mal vorsichtig zu formulieren."
Unions-Haushaltsexperte Steffen Kampeter sagte dagegen, die Frage nach dem Schuldigen helfe nicht weiter. Im Kern gehe es um eine Vertrauenskrise: "Ich bin aber zuversichtlich, das verlorengegangene Vertrauen zu stabilisieren."
Die nahe Zukunft sieht ARD-Börsenexperte Lehmann eher pessimistisch: "In Deutschland könnte sich eine gefährliche Situation herausbilden, dass wir eine Kreditklemme haben. Dass die Bank also sagt, nee, hab keinen Bock, brauche selbst Geld. Das kann sich jetzt verstärken. Das wäre jammerschade für die Volkswirtschaft." Zwar sieht er die Börse an einem Wendepunkt. "Ich befürchte allerdings, dass wir 2009 ein grottenschlechtes Wirtschaftsjahr haben."
Auch der Wirtschaftsfachmann der Linken, Claus, sieht das kommende Jahr eher düster: "Ich bin auch deshalb nicht optimistisch, weil eine Vielzahl der faulen Kredite noch unterwegs ist."
Quelle: MDR INFO