Heide Simonis am 16. Januar 2008 in Naumburg zu Gast „In Clausur“
von Katja Bahlmann
Zur sechsten Ausgabe der Veranstaltungsreihe „In Clausur“ hatte der Bundestagsabgeordnete Roland Claus eine erfolgreiche Frau aus der Politik eingeladen: Heide Simonis, die Ministerpräsidentin a.D. des Bundeslandes Schleswig-Holstein, war sein Gast.
In angeregter Atmosphäre wurde vor 50 Gästen über viele Themen gesprochen, die auf reges Interesse stießen. Zunächst standen die jüngsten Ereignisse um den UNICEF-Aufsichtsrat zur Debatte.
Wenn man sich auf rauer See befindet, so Heide Simonis, muss man zusehen, dass man da wieder raus kommt um dann seinen Kahn zu sicheren Ufern zu bringen. Sie machte kein Geheimnis daraus, dass Sie durch einen anonymen Brief auf etwaige Missstände hingewiesen wurde, doch geglaubt habe sie es nicht. Da war ich vielleicht etwas zu naiv, sagte sie. Nachdem die Presse sich eingeschaltet hatte, war es zu spät für große Rechtfertigungen und ein Wirtschaftprüfer wurde damit beauftragt, den Dingen auf den Grund zu gehen. Dadurch wurde festgestellt, dass jeglicher Geldausgabe eine Leistung gegenüber stand. Fehler seien aber trotzdem gemacht worden und zwar ordnungsrechtlicher Natur. Das ist eine Tatsache und das verschweige sie nicht.
Weiter ging es mit ihrer Biografie. Die Stationen ihres Lebens mit Beginn bei ihrem Geburtsort Bonn führten sie über Kiel nach Nürnberg, Erlangen dann weiter nach Sambia und auch Tokio zurück nach Kiel. Wobei Kiel in ihrem Leben eine ganz besondere Rolle einnimmt. Nicht nur weil sie sich diese Stadt als Wohnort gewählt hat, sondern auch weil sie dort ihren Mann kennenlernte und sie nicht wüsste, wo sie jetzt wäre, wenn es anders gekommen wäre. Sambia war eine sehr aufregende und lehrreiche Zeit in ihrem Leben, berichtete sie auf Nachfrage von Roland Claus. Ihr Mann bekam dort in der Entwicklungshilfe eine Arbeit. Beide gingen mit der Naivität in dieses Land, den Menschen zu zeigen, was sie tun sollen und dann machen Sie es schon, so Simonis. Aber das war nicht so. Entwicklungshilfe lässt sich nicht von Oben nach Unten aufstülpen, nein, sie muss von unten wachsen und das dauert und die Menschen müssen dazu bereit sein.
Roland Claus lenkte das Gespräch auf die Politik. Diese erfasste Frau Simonis schon frühzeitig. Mit 25 Jahren trat sie in die SPD ein. Laut ihrer Aussage hat Willy Brandt einen großen Anteil daran, dass sie überhaupt diese Partei gewählt hat. Er war eines ihrer Vorbilder in dieser Zeit. Unter dem damaligen Motto der SPD – Junge Frauen in die Politik – ergriff sie diese Chance. Ab 1971 war sie Mitglied der Kieler Ratsversammlung und hatte auch Parteiämter inne. Der Bundestag wurde dann 1976 ihre Wirkungsstätte und ab 1992 der schleswig-holsteinische Landtag. Als Björn Engholm 1993 sein Amt als Ministerpräsident aufgab trat sie seine Nachfolge an. Von genau dieser Zeit handelt auch ihr Buch „Unter Männern – mein Leben in der Politik“. Damals war sie die einzige Frau auf einem solchen Posten. Nach 12 erfolgreichen Jahre kam jedoch das Ende als sie während 4 aufeinanderfolgender Wahlgänge im Landtag keine Mehrheit für den Ministerpräsidenten Stuhl erhielt. Sie betonte, es wurden damals alle Fehler gemacht, die man nur in einer solchen Situation hätte machen können. Vom ehemaligen Bundeskanzler und Herrn Müntefering auf Durchhalten gedrängt war das Scheitern jedoch vielleicht schon vorher absehbar. Wenn es nach ihr selbst gegangen wäre, hätte sie schon nach dem zweiten Wahlgang die Sache beendet. Es war für sie schwer aus diesem Geschäft rauszukommen, wenn auf einmal die Termine von 100% auf 0% zurückgefahren sind, erst dann kommt das Erwachen. Ich wünsche keinem ein solches Ende, so Simonis.
Auf die Frage, ob Sie als einzige Ministerpräsidentin unter all den Männern nicht jetzt auch eine Beraterin der Bundeskanzlerin ist, sagte Sie nur, das verkneift sich Frau Dr. Merkel. Als Einschätzung ihrer Arbeit meinte Heide Simonis, dass die Bundeskanzlerin ihre Sache in der Außenpolitik gut macht jedoch in der Innenpolitik müsste sie auch mal mit der Faust auf den Tisch hauen, da ist sie noch zu lasch.
Als Bundesvorsitzende von UNICEF hat Heide Simonis nun ihre Aufgabe gefunden. Sie berichtete davon, welches Anliegen UNICEF verfolgt und betonte, dass UNICEF die „Schutzmacht für die Kinder“ ist. Gegen die ansteigende Kinderarmut in Deutschland und für das Einrichten von Ganztagsschulen will sie mit den Mitgliedern von UNICEF kämpfen. In Deutschland ist es ihrer Meinung nach schwer, Kinder großzuziehen und viele schrecken davor zurück, da dieses Land sehr kinderunfreundlich ist. Man kann sich über den Lärm des Kinderspielplatzes gerichtlich streiten und bekommt auch noch Recht. Die Kinder werden dann verdrängt und das kann sie nicht verstehen. Sie sollen doch auch mal für uns da sein, wenn sie unsere Rente verdienen, so müssen wir vorher etwas für sie tun, sagte sie. Deutschland müsse auch endlich akzeptieren, dass die Frauen hierzulande nicht nur arbeiten müssen, sondern auch wollen und um ihnen das zu ermöglichen, müsse man die entsprechenden Einrichtungen schaffen. Für all dies sind ihre Vorbilder die skandinavischen Länder. Doch die betreiben eine andere staatliche Politik, denn diese Sachen müssen gewollt sein. Man kann als Staat keine Finanzpolitik, a la USA mit einer Sozialpolitik a la Schweden betreiben, das ginge nicht. In weltweiten Projekten wird Unicef sich für Bildung, Impfung, Wasserversorgung, Mütterhilfe, Aufklärung über Aids und Malaria sowie Kindersoldaten und Beschneidungen weiterhin aktiv einsetzen.
Diese umfangreichen Informationen luden die zahlreichen Gäste dieser Veranstaltung zum Fragen und Diskutieren ein. So waren unter anderem auch die Verhältnisse in der BRD vor 1989, der Altersdurchschnitt in den Parlamenten, die Globalisierung, das schlechte Bildungswesen sowie eine Grundversorgungsnotwendigkeit Thema. Zum letzten wollte eine Besucherin wissen, ob Frauen anders Politik machen als Männer. Und Heide Simonis denkt das schon, denn Frauen denken ganz anders als Männer, weil sie meist auch anders erzogen sind. Sie sind fähig zu Teamarbeit und können Fehler zugeben und ganz besonders betonte sie, dass Frauen mehr Ausdauer als Männer hätten.