„Europa hat so viele Gesichter“ konnte man gleich am Eingang zur Jugendherberge Naumburg lesen, und um den Schriftzug herum klebten alle 64 Gesichter der diesjährigen Eurocamper. Eine bunte Mischung vom nördlichen Island bis ins südliche Italien, vom westlichen Spanien bis zur östlichen Ukraine. Von A wie Albanien bis Z wie Zypern waren die meisten europäischen Länder durch ein oder mehrere Jugendliche vertreten, die gekommen waren mit dem Ziel Deutschland kennenzulernen, ihre Sprachkenntnisse zu erweitern, junge Leute aus aller Welt zu treffen, ihre Kultur vorzustellen und vor allem sich auszutauschen über die Ideen zur Gestaltung eines gemeinsamen Europas.
Während der drei Wochen in Naumburg wurde vormittags in den vier Arbeitsprojekten gearbeitet - der Bürgergarten aufgeräumt, der Zaun in der Fischgasse verschönert, ein Kinderhaus für die Max-Klinger-Schule in Kleinjena gebaut und im alten Schlachthof Gärten angelegt – und am Nachmittag gab es ein vielseitiges Programm, vorbereitet von den Teamern des Eurocamp.
So lernten wir in der ersten Woche die Stadt Naumburg bei einer Stadtführung sowie einem historischen Stadtspiel kennen, bei dem wir erste schauspielerische Erfahrung auf dem Naumburger Marktplatz sammeln konnten. Ebenso gab es interkulturelle Lernspiele zum Kennenlernen, Namen Merken und zum Erleben und Überwinden interkultureller Schwierigkeiten. Wir unternahmen eine Kanutour nach Freyburg, besichtigten die Rotkäppchen-Sektkellerei und grillten auf der Neuenburg.
Die zweite Woche stand im Zeichen des Theaterprojektes und alle Gruppen arbeiteten hart darauf hin, am Freitag Abend eine gelungene Aufführung im Marientor präsentieren zu können. Das entstandene Stück drehte sich um Anton, der durch Europa reist und dort auf Diskriminierung, Sexismus, Ausgrenzung, Umweltfragen und andere Problemfelder in Europa trifft und sich entscheiden muss, einzugreifen oder doch lieber den Problemen den Rücken zuzukehren und weiterzureisen.
Am Sonnabend feierten wir „20 Jahre Eurocamp“ im Jugendzentrum OTTO mit Barbecue, Musik, Tanz, Karaoke, Volleyball- und Tischtennistunieren. Es kamen sogar einige ehemalige Eurocamper aus den letzten Jahren angereist um mitzufeiern und die schöne Atmosphäre der kulturellen Vielfalt wieder zu erleben.
In der letzten Woche ging es nochmal darum, sich mehr mit den teilnehmenden Ländern zu beschäftigen, die am ersten Eurocampabend im Ländercafé nur kurz vorgestellt werden konnten.
Bei der europäischen Kulturnacht beispielsweise hatte jedes Land die Aufgabe, einen typischen Tanz zu zeigen, ein traditionelles Lied zu singen, ein Theaterstück aufzuführen, ein beliebtes Spiel zu spielen oder was auch immer einem in den Sinn kam um sein Land zu präsentieren. Wir Deutschen entschieden uns „ganz in der Tradition der Dichter und Denker“ das Märchen „Rapunzel“ der Gebrüder Grimm mit selbstgestalteten Puppen vorzuspielen. Von den Polen lernten wir Polka, aus Zypern einen sehr komplizierten Hochzeitstanz, aus Dänemark das auch hier bekannte Spiel „Völkerball“, Irland präsentierte ein zeitgenössisches Theaterstück.
Bei dem internationalen Buffet unternahmen wir eine kulinarische Reise durch alle Köstlichkeiten Europas und jedes der 31 Länder versuchte die anderen mit dem ausgefallensten und leckersten Gericht zu übertrumpfen. Mit Scrimps gefüllte Tomaten aus den Niederlanden, Deutschlands Hackepeters Herzen und Goethes Lieblingssalat, italienisches Tiramisu, kalte Rote-Beete-Suppe aus Litauen, spanischer Sangría…doch nichts konnte den mazedonischen Schokokuchen übertrumpfen, der in sekundenschnelle und in einvernehmlichem internationalem Wohlgefallen verspeist wurde.
Eine wichtige Rolle spielte die Vertiefung der Beziehung zwischen der Europäischen Union und den Nachbarländern, und so schlüpften die Eurocamper bei der Jugendkonferenz in die Rolle von Politikern ihres Landes und diskutierten in Ländergruppen unter anderem über die Beschleunigung der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Mazedonien, Albanien, Bosnien und Herzegowina u.a. Sie stimmten ab, ob die Arbeitssprachen der Europäischen Union von 23 bestehenden Arbeitssprachen auf Deutsch, Französisch und Englisch reduziert werden sollten. Ob ein europäischer Freiwilligendienst oder ein mehrmonatiges Auslandspraktikum für junge Europäer Pflicht sein sollte. Ob das Wahlrecht in allen europäischen Ländern mit 16 Jahren beginnen sollte. Ob die Europäische Union Schutz und Respekt für nationale Minderheiten verbindlich gewährleisten sollte.
In den Ländergruppen wurden hitzige Diskussionen geführt, man konnte Vertreter aus anderen Ländergruppen in Separées treffen und einen Gruppensprecher nach Brüssel zur Europäischen Kommission schicken. Nach dem Bankett, eröffnet durch die neu gewählte Kommissionspräsidentin Lynette aus Zypern, wurde dann in den Arbeitsgruppen „Verträge und Erweiterung“, „Kultur und Bildung“, „Kinder und Jugend“ über die Änderungsvorschläge der einzelnen Länder gesprochen und zu guter Letzt kam es zur Generalabstimmung, bei der Kommissionspräsidentin Lynette unseren gemeinsamen Gesetzesentwurf verabschiedete.
Bei der Abschlussveranstaltung am 19. August besichtigte Sachsen-Anhalts Europaminister Rainer Robra alle Arbeitsprojekte, danach trafen wir uns zum großen Buffet im Schlachthof und bekamen von der Stadt Naumburg ein kleines Dankeschön überreicht und ein Eurocamp T-Shirt als schöne Erinnerung zum Mitnehmen. Nach dem internationalen Buffet am Abend tanzten wir die letzte Nacht durch bis zum Morgengrauen und mussten bedrückt die ersten Eurocamper verabschieden, die sich schon auf den Weg zurück in ihre Heimat machten.
Was bleibt sind die Ideen, die wir gewonnen haben, die schönen Erinnerungen, festgehalten in Foto und Film, die Freundschaften und Versprechen, weiterhin in Kontakt zu bleiben und die Hoffnung, sich nächstes Jahr „ganz bestimmt“ wieder zu treffen.
Meryem Göksu Kaya aus der Türkei schreibt in ihrem Blog: „Die Zeit vergeht schnell und wir möchten uns noch nicht verabschieden. Wir schlafen nur 4 Stunden, damit wir noch mehr Zeit für unsere Freunde haben. Hier lernt jeder etwas vom Anderen, Grenzen werden aufgehoben.“
Miika Kallasoja aus Finnland stimmt ihr zu: „Sprachliche und kulturelle Grenzen sind in dem gemeinsamen Kontext des Arbeitens, des Feierns und des alltäglichen Zusammenlebens zumindest zum Teil verschwommen, wobei es möglich war zu entdecken, das wir als junge Leute und junge Europäer vieles gemeinsam haben. Klar haben sich manchmal Gruppierungen gebildet, die auf Sprache oder geographisch-kultureller Nähe basierten, aber das ist auch nicht ganz zu verhindern und auch darüber hinaus sind Freundschaften entstanden.“
Lucia Skutkova aus der Slowakei fügt hinzu: „Das Eurocamp war und bleibt für mich ein unvergessliches Erlebnis. Ich fühlte mich nicht wie in Deutschland. Wo sich viele verschiedene Nationalitäten treffen, entsteht ein ganz neuer Raum... einfach Europa im engsten Sinn.“
Das ganze Projekt, einige Fotos sowie die Theateraufführung als Video findet man auf der Website www.eurocamp-agsa.eu
aufgeschrieben von Josefa Marxhausen