Liebe Mädchen und Jungen!
Verehrte Eltern!
Werte Gäste!
Vom Erwachsenwerden wird heute die Rede sein und davon, was das wohl bedeutet.
Für mich bedeutet das unter anderem, Euch hier vorn in den ersten Reihen schon mal mit „Sie“ anzureden.
Für Euch, nein Sie, bedeutet das, irgendwie damit umzugehen, was Ihnen heute so alles angetragen wird.
Wahrscheinlich sind Sie heute nicht so sehr auf Belehrungen und Ratschläge der Älteren aus.
Ich will Sie damit auch verschonen. Aber innere Bewegtheit ist da schon dabei.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen?
Sie werden sagen, wir müssen machen, was die Eltern sagen, aber die Erwachsenen können machen, was sie wollen. Und so sind die also frei.
Nun kommt es aber vor, dass die Erwachsenen manchmal einen unangenehmen Chef haben oder zu wenig Geld oder gerade der Meinung sind, mit dem Falschen verheiratet zu sein, oder der böse Spiegel macht ihnen Falten ins Gesicht oder sie haben sich bei den Wahlen verwählt.
Oder Sie müssen zum Arbeitsamt, wo es keine Arbeit gibt, obwohl sie etwas richtig gut können, aber schon über 40 sind. Oder sie haben Freizeit und können nichts Gescheites damit anfangen, weil sie schon seit 20 Jahren mit ihrem Fernseher verheiratet sind.
Tja, liebe junge Freunde,
wenn man das alles bedenkt, dann wird es eng mit der Freiheit der Erwachsenen, und deshalb wünschen diese sich dann hin und wieder, noch einmal Kind zu sein. Doch – auch wenn das möglich wäre – es würde völlig daneben gehen. Deshalb heißt die Feier, an der wir heute alle teilnehmen, auch Jugendweihe und nicht Erwachsenenweihe.
Weil das Erwachsenwerden aber auch seine guten Seiten hat, will ich heute versuchen, Ihre Lust daran zu wecken.
Das Fest der Jugendweihe ist Ihr Tag, liebe Mädchen, liebe Jungen, auch wenn Sie vielleicht der Meinung sind, dass Eltern und Verwandte ihr Lob für die Jugend besser übers Jahr verteilen sollten.
Dennoch ist es gewiss eine gute Sache, aus diesem Tag etwas Besonderes zu machen, was sich vom Alltag unterscheidet und ihm doch nicht entflieht.
So sind auch die feierlichen Mienen Ihrer Mütter zu verstehen, die sich um Sie sorgten und sich heute an viele frohe und manche weniger freudige Stunden erinnern. Und da ist es gut, wenn die Aufregung nicht verborgen bleibt.
Auch Ihre Väter werden Sie heute etwas sonderbar erleben, sie bei Tisch mit den Worten beginnen „Ich will hier keine lange Rede halten“ und ihnen dabei vielleicht die Stimme ein wenig versagt, weil sie Ihren ganzen Weg durchs junge Leben mitgestaltet haben.
Mag sein, dass Vater oder Onkel Ihnen heute erklären, dass jetzt der „Ernst des Lebens“ beginnt, was immer damit gemeint sein mag. Hoffentlich ist damit nicht gemeint, eigene Interessen über alle anderen Werte zu stellen.
Vielleicht hören Sie von Tanten und Onkeln gerade heute die Redensart „Wenn ich heute noch mal so jung wäre wie Du, aber dann …“.
Ich sage Ihnen:
Die menschliche Gesellschaft wäre hoffnungslos verloren, wenn Tanten und Onkeln das wahrmachen könnten und das, was sie für erwachsene Klugheit halten mit jugendlichem Elan verbinden könnten.
Achtet mir ja die Verwandten und ihre Ratschläge, aber seid froh, dass diese sich nicht verwirklichen lassen.
Macht Eure Fehler selbst, führt Euer Leben, führt es aber nicht von vornherein nur so, dass sich alles „rechnet“.
Und: Hüten Sie sich vor Leuten, die Ihnen die einzig wirkliche WAHRHEIT vom Erwachsenwerden einreden wollen.
Der Tag der Jugendweihe wird nicht von selbst zu einem Wendepunkt in Ihrem Leben, und das soll er ja auch gar nicht.
Was jetzt kommt, geht vor allem Sie selbst an.
Von Verantwortung wird dabei die Rede sein und wo man Ihnen künftig mit Erziehung kommt, wird das immer damit verbunden sein, dass Sie das meiste dabei selbst zu tun haben. Aber das wollen die meisten 14jährigen zum Glück auch so.
Sie werden dabei sein und gebraucht werden, wenn in diesem Land nicht nur neue Fassaden, sondern vor allem neue Grundsteine errichtet werden, und deshalb lassen Sie nicht davon ab, sich Ihre eigene Zukunft zu träumen und dafür einzustehen.
Als Ratschlag möchte ich Ihnen dennoch auf den Weg mitgeben: Lassen Sie sich leiten von dem Ideal einer gerechten und friedfertigen Welt im Großen und im Kleinen.
Ich will mich nicht an die Alltäglichkeit von Kriegen gewöhnen. Krieg ist die falsche Antwort auf den Terror.
Wenn dem globalisierten Terror der globalisierte Krieg folgen würde, dann hätte sich nicht die Logik der Vernunft, sondern die Logik des Terrors durchgesetzt.
Und Kriege, Kriege fangen immer in den Köpfen an. Immer ist es zuerst ein Krieg der Worte.
Leider merken viele das gar nicht mehr.
Sie werden damit zu tun haben, Verführungen standzuhalten, um so schwieriger wird das, weil die neuen Verführer sich vorgenommen haben, es besser zu machen als die alten Führer.
Rechthaberei und Draufschlagen haben bisher noch nicht ein einziges Problem gelöst. Kahle Schädel drauf und drunter sind eine Verlockung zum Verhängnis.
Und noch etwas sollte uns bewegen:
Wir sind dabei, auf unmerkliche, schleichende Art einen Jahrtausend-Grundsatz aufzugeben, nämlich die für uns alle verbindliche, tätige Hoffnung, die da heißt:
Den Kindern soll es mal besser gehen.
Es muss uns doch besorgt machen, wenn dieser uralte Wunsch klammheimlich abgelöst wird von dem Vorsatz:
Nach mir die Sintflut.
Was ist das für eine Gesellschaft, in der sich 40- oder 50jährige wünschen, schon mal 10 Jahre älter zu sein?
Ist das die beste aller Welten, in die immer weniger Kinder gesetzt werden? Und da soll mir keiner kommen und sagen, das ginge nicht anders. „Alternativlos“ heißt deren Zauberwort.
Gesellschaftsgestaltung, auch Politik genannt, ist aber immer Menschenwerk. Und was Menschenwerk ist, geht immer auch anders.
Dieser Welt und diesem Land stehen schwierige Umbrüche ins Haus. Wo immer die Menschheit in Schwierigkeiten steckt, kommt sie an einen Scheideweg. Es gibt im Grunde nur zwei Lösungswege.
Es gibt den Weg, auf dem die Stärkeren die Schwächeren besiegen, um stark zu bleiben, Macht und Geld zu behalten. Das ist der Sieg des Ellenbogens.
Und es gibt den Weg des solidarischen Miteinanders. Einer trage des anderen Last.
Lebenswege lassen sich nicht verordnen. Das wollen wir auch nicht vergessen. Aber entscheiden muss sich jede und jeder von Ihnen.
Wir alle, die hier schon etwas älter sind, hätten Ihnen liebend gern eine heilere Welt übergeben. Eine Welt ohne Kriege, eine Welt ohne Bankenkrise, eine Welt voller Zukunft für alle, und jeder nach seinem Talent. Der Gedanke an eine wahrhaft humanistische Gemeinschaft sollte uns einen, die Jüngeren wie die Älteren, die Anhänger verschiedener Weltanschauungen und Religionen und nicht zuletzt auch Mann und Frau.
Es ist schwieriger als wir gerade denken, Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern wirklich auszuleben.
Die Welt wird eben heute von Männern „beherrscht“, und nicht gegen Männer geht’s hier, wohl aber gegen diesen „Herrschafts“-Gedanken.
Spannende Erlebnisse werden Ihnen die eigenen Erfahrungen mit der Sexualität bringen. Am Sex führt kein Weg vorbei, aber nichts ist so voller Irrwege wie die Sexualität. Finden Sie die guten Wege. Und Sex, Sex kann viel mehr bedeuten, als Magazine und Clips Ihnen zeigen können.
Sie müssen jetzt hier vorn nicht alle so schauen, als ob Sie wüssten, wovon ich rede.
Liebe Eltern! Liebe Gäste!
Sie alle haben Anteil daran, dass vor uns heute erwartungsvolle junge Menschen sitzen, die sich für ihr Leben vieles vorgenommen haben.
Freilich ist es so, dass viele Ältere den Jüngeren nicht immer was zutrauen. Aber wahr ist auch, dass jede neue Generation bisher immer mehr vollbrachte, als die vorherige ihnen jemals zugetraut hat. Es ist ein unentbehrlicher Anspruch der Jungend, alles besser machen zu wollen, als es die Älteren vorleben.
Die Welt braucht auch heute den Drang der Jugend. Seien Sie unbesorgt, die großen Taten sind längst nicht alle getan, die großen Abenteuer noch längst nicht alle bestanden, die großen Ideen längst nicht alle gedacht.
Sie werden diejenigen sein, von denen der Fortbestand der Erde abhängt und die Erkundung des Kosmos und der Sieg über den Krebs und der Sieg über den Krieg.
Liebe Mädchen! Liebe Jungen! Liebe Gäste!
Erwachsen ist eigentlich ein schlimmes Wort. Es klingt so endgültig.
Ich wünsche Ihnen allzeit Neugier statt endgültiger Weisheiten. Von aller Gier ist die Neugier die beste.
Sie alle, die es angeht, hier vorn in den ersten Reihen und Ihre Eltern und Verwandten haben den heutigen Tag lange vorbereitet. Und ich hoffe, Sie werden heute noch einen sehr schönen Tag erleben, einen Tag, den Sie nicht wieder vergessen sollen.
Nur denken Sie an eines: Sie müssen heute nicht „Erwachsensein“ spielen. Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie das schon sind.
Liebe junge Freunde!
Wagen Sie die Zukunft für „Ihr“ Lebensglück und auch für das Glück all jener, die nach Ihnen die Jugendweihe erleben werden.
Vielleicht hilft Ihnen wie mir, das Gebet eines Pfarrers aus Münster aus dem Jahre 1884:
Herr, setze dem Überfluss Grenzen
und lasse die Grenzen überflüssig werden.
Lasse die Leute kein falsches Geld machen,
aber auch das Geld keine falschen Leute.
…
Schenke unseren Freunden mehr Wahrheit
und der Wahrheit mehr Freunde.
Bessere solche Beamte, Geschäfts- und Arbeitsleute,
die wohl tätig, aber nicht wohltätig sind.
Gib den Regierenden ein besseres Deutsch
und den Deutschen eine bessere Regierung.
Herr, sorge dafür, dass wir alle in den Himmel kommen,
aber bitte nicht sofort.
Ich wünsche Ihnen allen ein erfülltes Leben und einen guten Tag.