Am 10. Mai 1933 wurden in 22 deutschen Universitätsstädten – beginnend mit dem Opern-, heute Bebelplatz, in Berlin – öffentlich zehntausende Bücher von jüdischen, marxistischen und pazifistischen Schriftstellern konfisziert und verbrannt. Auf Einladung der Fraktion DIE LINKE werden auch in diesem Jahr Menschen unterschiedlichster Generationen Texte von Autorinnen und Autoren vorlesen, deren Bücher damals der faschistischen Barbarei zum Opfer fielen. Zu den Lesenden gehören u.a. die Zeitzeugin Elfriede Brüning, die in diesem Jahr 100 Jahre alt wird, sowie Studentinnen und Studenten der Ann Arbor Universität in Michigan, an der Weltbühnenautor Rudolf Arnheim nach seiner Flucht aus Deutschland eine neue Wirkungsstätte fand.
u.a. mit der Schriftstellerin Elfriede Brüning, den Schauspielern Walfriede Schmitt und Wolfgang Völz, der Sängerin Gina Pietsch, der Fußballweltmeisterin Anja Mittag, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Berlin Lala Süsskind, der Berliner Senatorin Carola Bluhm, den Bundestagsabgeordneten Gesine Lötzsch, Petra Pau, Luc Jochimsen, Gregor Gysi, Ilja Seifert, Roland Claus, Studentinnen und Studenten aus den USA und Berliner Schülerinnen und Schülern
In der „Weltbühne“ Nr. 38 vom 18. September 1928 ist in der Rubrik „Bemerkungen“ ein Text von Ignaz Wrobel – das ist Kurt Tucholsky – zu lesen, aus dem ich hier einige Auszüge lese. Es geht um einen Angriff der „Deutschen Zeitung“ auf den Leiter der „Republikanischen Beschwerdestelle“, Alfred Falk:
„Und nun lässt sich also die ‚Deutsche Zeitung’ dazu folgendermaßen vernehmen:
‚Ein altes deutsches Sprichwort heißt: ‚Sage mir, mit wem du umgehst und ich will dir sagen, wer du bist.’ Herr Falk rechnet es sich zur Ehre an, mit dem Pariser Juden Ignaz Wrobel zusammen genannt zu werden, der für seinen schamlosen Ausspruch: ‚Die Toten des Weltkrieges sind für einen Dreck gefallen’, - in einem Pariser Kaffeehause von einem französischen Frontsoldaten öffentlich geohrfeigt worden ist. – Wir gönnen diesen beiden Ehrenmännern ihr trautes Freundschaftsverhältnis, bedauern jedoch, dass deutsche Regierungsstellen, anstatt in aller Öffentlichkeit von Herrn Falk und seinem ‚Kontrollorgan’ abzurücken, sich der Mitarbeit eines Mannes bedienen, der von dem feldgrauen Ehrenkleide, das neben Millionen deutscher Helden auch der gegenwärtige Präsident des deutschen Reiches, Generalfeldmarschall v. Hindenburg, über vier Jahre hindurch getragen hat, als ‚Zwangsjacke des preußischen Militarismus’ beschimpft und zu behaupten wagt, dass an ihm der Fluch tausender deutscher Soldaten hänge.’“
Ignaz Wrobel – das ist Kurt Tucholsky – fährt nach diesem Zitat fort:
„Dass ich Pariser bin, habe ich schon immer gewusst. Ich heiße mit meinem richtigen Namen Arsène Lupin und habe in Paris eine gutgehende Einbrecherei. Aber die Sache mit der Ohrfeige, der ich schon mehrere Male im Morast der Nationalen begegnet bin, die wollen wir doch einmal in Ordnung bringen.
Ich weiß nicht, wie das bei den Patrioten hergeht: ich für mein Teil halte an Stammtischen keine Reden, weil ich jede Woche zu einer Schar Freunde sprechen kann, die mir quantitativ und qualitativ genügt. (...)
Nach den etwa vierzig oder fünfzig Vorträgen, die ich im Laufe der Jahre in Paris über Deutschland gehalten habe (aber nicht in Cafés), ist niemals ein Zwischenfall erfolgt; niemals hat mich ein Franzose geohrfeigt, niemals habe ich mit einem französischen ehemaligen Soldaten irgend eine Auseinandersetzung gehabt. Weil ich aber weiß, dass es in den Kreisen, die die ‚Deutsche Zeitung’ lesen, für ehrenrührig gilt, wenn sich ein anderer pöbelhaft benimmt, so sage ich ihr, dass selbst, wenn mich ein Franzose dafür geprügelt hätte, dass ich den Krieg ein Verbrechen und seine Ziele einen Dreck genannt habe, ich auch das nicht als eine Widerlegung meiner Arbeit auffasse. Wäre ich ein schwächlicher Mensch: der Krieg bleibt ein Verbrechen. Läge ich zerschlagen auf der Straße: der Krieg bleibt ein Verbrechen. Aber es gibt viele Franzosen, die den Krieg so beurteilen wie ich; auf jeden Leser der ‚Deutschen Zeitung’ kommen etwa zehntausend, was gewiss noch nicht viel ist – aber es ist schon ganz hübsch.
Alfred Falk hat recht und abermals recht:
An der feldgrauen Joppe hängt der Fluch Tausender deutscher Soldaten, und diese Affenjacke ist eine Zwangsjacke des preußischen Militarismus gewesen. (...)
Meinen Ausspruch aber: ‚Die Toten des Weltkrieges sind für einen Dreck gefallen’ möchte ich modifizieren.
Sie sind für die ‚Deutsche Zeitung’ gefallen.
(Quelle: Weltbühne XXIV. Jg., Nr. 38 v. 18. September 1928, S. 459f.)